1. Wer wir sind und wie alles begann
Mein Name ist Bänz Margot – Gründer und Präsident des Vereins «humanfrontaid.org». Die Ukraine ist das größte Land von Europa. Eigentlich ein sehr reiches, wunderschönes Land. Ich habe dort schon mehrfach Ferien verbracht. Auch im letzten Jahr.
Eigentlich bin ich Berner Musiker und nicht Leiter eines Hilfswerks. Aber am 24. Februar 2022 erwachte ich in Odessa in meinem Hotel – und plötzlich war Krieg. Ein dramatischeres Ferienende kann man sich eigentlich kaum vorstellen. Schon Tage vorher war die Anspannung in der Hafenmetropole spürbar. Nun wich sie der totalen Unsicherheit: Niemand wusste ob Odessa unmittelbares Angriffsziel der russischen Schwarzmeerflotte war; ob russische Truppen zu Land oder aus der Luft in die Stadt eindringen würden. Die Dimension der Geschehnisse wurde mir schnell bewusst. Der Flughafen von Odessa war zu diesem Zeitpunkt bereits bombardiert.
In dieser Situation beschloss ich es Tausenden von Menschen in der Ukraine gleichzutun: Ich floh auf dem Landweg nach Chisinau, der Hauptstadt Moldawiens. Als ich dort ankam, war mir instinktiv sofort klar, dass ich nicht einfach die Weiterreise nach Bern antreten konnte: Zu verzweifelt waren die Gesichter der Kinder, Mütter, Grossmütter und Grossväter die überall in der Stadt nach Hilfe suchten. Die wehrfähigen Väter durften die Ukraine nicht verlassen. Es war klar, dass sich hier eine Tragödie mit vulnerablen Flüchtenden anbahnte, wie sie Europa seit dem 2. Weltkrieg nie mehr gesehen hatte.
Ich beschloss zu bleiben und zu helfen. Gemeinsam mit einigen Freunden aus der Schweiz gründeten wir in Chisinau «humanfroantaid.org». Zum Schreiben von Statuten blieb zu diesem Zeitpunkt aber wahrlich keine Zeit: Wir verteilten Aufgaben, organisierten uns so gut das damals ging und aktivierten unsere Netzwerke.
2. Die Phase der Evakuierungen und Hilfsmittellieferungen
Auf allen meinen social Media Kanälen sensibilisierte ich mein persönliches Umfeld und erhielt erste Spenden. Wir organisierten Transportkapazitäten, brachten Nahrung von Chisinau in die Ukraine und nahmen Flüchtende auf der Rückfahrt nach Moldawien mit. Die ersten Wochen und Monate waren durch Chaos geprägt. Unser Wille bestand immer darin, schnell und unkompliziert zu helfen – das taten wir ab dem ersten Kriegstag. Ich bin nicht Buchhalter und Statistik hat in der Chaosphase des Kriegs nicht oberste Priorität.
Aufgrund aller Belege können wir die Mengengerüste aber ziemlich präzis nachvollziehen: Wir haben 5750 Menschen die Flucht ermöglicht – dies auch durch Korridore aus besetzten Gebieten. Wir haben 15'000 Konservendosen mit Nahrung ins Kriegsgebiet und an die Frontlinien gebracht; 67'000 Portionen Babynahrung; 62'000 Windeln; daneben Hygieneartikel und Medikamente die dringend benötigt wurden.
Ab Ende April wurde klar, dass die Ukraine nicht innert weniger Wochen fällt, sondern dem Angriffskrieg standhalten kann. Im Gegenteil wurden die russischen Truppen im Norden des Landes zunehmend zurückgedrängt und die Ukraine konnte markante Geländegewinne erzielen. Obwohl russische Raketenangriffe – nicht etwa auf militärische Ziele – sondern auf Wohnhäuser und Infrastrukturanlagen eine permanente Gefahr darstellten, beschloss ich im Mai nach Odessa zurückzukehren. Dort begann ich, mich mit diversen lokalen Volunteer-Organisationen zu vernetzen und die begonnene Arbeit vor Ort – in Odessa selbst – fortzusetzen. Die Evakuierungen konzentrierten sich fortan auf die umkämpften Regionen entlang der Frontlinie wie Kherson, Mykolayiv oder Energodar. Entlang der umkämpften Gebiete ist die Zerstörung beinahe total. Die Stadt Mariupol – einst blühende Küstenmetropole – gibt es gar nicht mehr. Menschen, die aus den ehemals besetzten Gebieten nach Odessa geflohen sind, berichten von unsäglichem Leid, Folter, Willkür, Hinrichtungen. Viele sind stark traumatisiert. Der Ukraine-Krieg hat das Leben von vielen Menschen in Odessa und anderen Orten in der Ukraine stark beeinträchtigt. Verletzte und von Armut Betroffene benötigen dringend Hilfe, um ihr Leben wieder aufzubauen. In Odessa sind Tausende von inlandvertriebenen Menschen gestrandet, die nicht viel mehr haben, als dass sie gerade mit sich tragen können.
Im Herbst kündigten sich langsam die Vorboten des Winters an. Die Stromversorgung in der Stadt war teilweise unterbrochen und die Millionenmetropole lag in den länger werdenden Nächten teilweise komplett im Dunkeln. Wir begannen über die sozialen Netzwerke in der Schweiz Decken, Schlafsäcke, Kerzen, Kocher und alles, was wärmt zu sammeln. Allerdings stellten wir schnell fest, dass die Logistik, diese Dinge auch nach Odessa zu bringen enorm aufwändig war. Mit diesem Phänomen kämpfen die grossen Hilfsorganisationen allerdings mindestens ebenso heftig: Ein Container mit Winterjacken erreichte Odessa im März '23 – als es bereits frühlingshaft war.
3. Weihnachten in Bern – ein Time-out wurde es nicht
Es fällt schwer es sich selbst einzugestehen: Aber all die verzweifelten Menschen, die zerstörten Häuser, die verstörenden Geschichten, die Explosionen von einschlagenden Raketen – sie machen müde und nagen an der Psyche. So beschloss ich, für die Weihnachtszeit ein Time-Out im Kreis meiner Familie in Bern zu nehmen.
Zu Beginn war es für mich schwierig, die «Normalität» wieder richtig einzuordnen. Und die «Sorgen» einiger Bernerinnen und Berner wirkten auf mich fast schon surreal. Gross Zeit zum Nachdenken blieb schliesslich aber nicht: Wir professionalisierten die Buchhaltung, schrieben mit einer Anwaltskanzlei, die und uns das als Spende offerierte, griffige Statuten und arbeiteten weiter an unserem Netzwerk: Die ukrainische Gemeinschaft in der Stadt Bern ist mittlerweile beachtlich und gut organisiert, die Burgergemeinde verfügt über enge Verbindungen nach Lemberg und die Politik begann sich für unsere Arbeit zu interessieren: So gründeten wir ein «Patronatskomitee»: Der Berner Gemeinderat Reto Nause konnte Nationalrat Matthias Aebischer, Nationalrätin Kathrin Bertschy, alt Regierungsrätin Béatrice Simon, Nationalrat Gerhard Pfister, den CEO von YB, Wanja Greuel und den ehemaligen Tierparkdirektor, Bernd Schildger für unsere Sache begeistern! Im Berner Stadtparlament spendeten zahlreiche Mitglieder ihr Sitzungsgeld zu Gunsten von «humanfrontaid.org».
Ich nahm an zahlreichen Solidaritätskundgebungen zu Gunsten der Ukraine teil. Ich tat dort, was ich eigentlich noch nie getan hatte: Ich hielt Reden. Später – am 4. März '23 – durften wir aus Odessa sogar eine live-Schaltung zur nationalen Solidaritätskundgebung auf dem Bundesplatz machen. Die Volunteers spürten die Solidarität von 10'000 Menschen.
Eine weitere neue Erfahrung in meinem Leben kam hinzu: Die Medien. Lokalfernsehen, Radiostationen und Printmedien begannen sich für unsere Arbeit zu interessieren. Es gibt Menschen, die sich im medialen Interesse «sonnen» – für mich war es eher Stress. Aber die Sonnenseite davon waren Spendeneingänge für «humanfrontaid.org» nach jedem Auftritt.
4. Die Rückkehr und das Konzept der direkten finanziellen Hilfe
Das neue Jahr brach an und ich verspürte den Drang nach Odessa zurückzukehren. In einer Diskussion mit Hugo Fasel – einem engen Freund der Familie – reifte die Erkenntnis, dass wir unsere Hilfe neu ausrichten mussten: Inzwischen unterstützen wir Familien mit direkter Geldhilfe, was gleich vier Vorteile mit sich bringt:
• Einerseits können sich die Menschen damit genau das kaufen, was sie am dringendsten benötigen: Zum Beispiel seltene Medikamente, Kleinkindernahrung, Kleider.
• Andererseits fliesst das Geld ohne Umwege in die lokale Wirtschaft, die dadurch gestärkt wird. Die lokalen Wirtschaftsstrukturen sind zwar beeinträchtigt – aber durchaus intakt!
• Die aufwendige Logistik entfällt: Kann ich einer Mutter den Asthma-Spray für ihr Kind direkt finanzieren, so wird sie innert kürzester Zeit über diesen verfügen. Müssten wir solche Sprays organisieren, ginge das bedeutend länger.
• Dass wir auf finanzielle Geldhilfe setzen, hat auch einen anderen Grund: So haben wir festgestellt, dass materielle Hilfe in Form von Esswaren oder anderen lebensnotwendigen Produkten oft nicht diejenigen erreicht, die sie am dringendsten benötigen. Korruption ist nämlich leider auch heute noch Thema in der Ukraine.
Unseren Fokus setzen wir auf diejenigen, die es am härtesten getroffen hat: Alleinerziehende Mütter, Familien, die ihr Zuhause komplett verloren haben, Menschen mit Krankheiten und ältere Personen. Allein in den letzten drei Monaten unterstützten wir auf diese Weise bereits 1000 Familien. Lassen sie mich drei solche Schicksale zur Erläuterung schildern:
Eine junge Frau floh mit ihren Kindern und ihrer Mutter von Bakhmut nach Odessa. Ein russisches Geschoss hatte die Nachbarwohnung ihrer Mutter getroffen. Ihr Apartment wurde komplett beschädigt. Seit der Detonation leidet die Mutter an einer schweren geistigen Behinderung. Wenn schon in der Schweiz das Leben mit einer Beeinträchtigung schwierig ist, wie ungleich schwieriger ist es dann im Kriegsgebiet!
Eine andere Familie – obdachlos nach russischem Beschuss – hat das Geld benutzt, um Bustickets zu kaufen, damit sie bei ihren Verwandten in der Nordwestukraine unterkommen können.
Das Kind einer weiteren Familie litt an einer seltenen Krankheit. Sein Überleben war von einer Operation abhängig. Diese war allerdings nur in Kiew möglich. Wir haben ihnen die Fahrt ins Spital finanziert.
Ich könnte hunderte solcher Schicksale erzählen. Und leider wird es weitere geben! Ich danke allen, die uns bislang unterstützt haben und weiter unterstützen werden! Hier in Odessa – 144 Kilometer von der nächsten Frontlinie entfernt – lindert der eingesetzte Franken effizient und unbürokratisch menschliches Leid!
Odessa, 20. April 2023
Bänz Margot
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